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Kurt Haase
Im Jahr 1947 war ich wieder in Berlin. Der Krieg war verloren, meine Mutter tot, mein Vater hatte sich nach seiner Gefangenschaft bei den Engländern in Ostwestfalen freiwillig zu weiterem Dienst verpflichtet. So lebte ich denn bei meinen Großeltern, die bereits für meine Schwester die Eltern vertraten.
Wir wohnten in Neukölln in der Knesebeckstraße 134, in einer Zwei-Zimmer-Eckwohnung im ersten Stock; genau über dem Lebensmittelgeschäft, wo wir Milch und Brot auf Lebensmittelkarten erstanden. (Später hat man die Knesebeckstraße umbenannt: Unsere damalige Wohnung liegt heute in der Silbersteinstraße 37.)
Vater unterstützte uns aus der Ferne mit zahlreichen Paketen, denn er kam bei den Engländern in Minden und Herford an viele Lebensmittel, die in Berlin unmöglich zu erstehen waren. So bekamen wir englische Cadbury′s-Schokolade, Trockenmilch in Dosen und was sonst so zum Leben gebraucht wurde.
Unsere Ernährung war damit natürlich bei weitem nicht hinreichend gesichert, und wir haben in dieser Zeit, wie viele andere auch, lernen müssen, was es heißt zu hungern.

Meine Großeltern väterlicherseits
Mein Großvater, der als junger Mensch sehr agil und geschäftstüchtig gewesen ist, war in dieser Zeit schon etwas zu alt, um auf dem Schwarzmarkt gute Geschäfte machen zu können. Auch besaßen wir keinerlei Familienschätze, die wir gegen Nahrungsmittel hätten tauschen können. So blieb uns nichts weiter übrig, als es den alten Germanen gleich zu tun und im Wald Pilze zu sammeln.
An den Wochenenden fuhren mein Großvater, meine Schwester und ich über Beelitz-Heilstätten raus in den Wald. Die Züge waren üblicherweise völlig überfüllt. Die Leute saßen auf dem Dach, hingen sogar draußen an der Seite. Mir machte es besonderen Spaß, auf dem Puffer zwischen den Waggons zu sitzen.
Im Wald haben wir uns dann auf die Suche gemacht. Wenn wir keine Pilze fanden, nahmen wir Holz mit oder stoppelten Kartoffeln auf bereits abgeernteten Feldern, denn ohne irgendetwas ging man nicht nach Hause.
Bald kannten wir alle Pilze der Gegend. Großvater hatte uns nämlich ein Pilzbuch besorgt. In diesem haben wir erst einmal studiert, was es alles zu wissen gibt – welche Pilze giftig sind und welche nicht, was einem die Lamellen sagen oder welche Schwammformen es gibt. Die Dinge, die uns nicht einleuchten wollten, diskutierten wir eingehend mit unseren Freunden, die sich über diese Fragen nicht weniger Gedanken machten als wir.
Da wir nicht die Einzigen waren, die im Wald nach Pilzen suchten, war es sehr schwierig, die üblichen Speisepilze zu finden. Wer nur auf Maronen und Steinpilze aus war, konnte nicht damit rechnen, seinen Korb voll zu bekommen. Deshalb sammelten wir auch Kremplinge und rote Täublinge, die ebenfalls sehr gut schmecken, aber eben leicht mit ihren giftigen Verwandten verwechselt werden können.
Wenn wir partout nicht Bescheid wussten, packten wir die fraglichen Pilze sorgfältig ein und brachten sie zum Botanischen Garten nach Steglitz. Dort saßen kompetente Leute, die uns weiterhelfen konnten. Die gelegentliche Fahrt nach Steglitz lohnte sich, denn einmal legten wir Pilze vor, bei deren Anblick der Botaniker ganz außer sich geriet: »Um Gottes Willen«, sagte er, »von denen reichen zwei, um ganz Berlin zu vergiften!«
So mauserten wir uns im Laufe der Jahre zu richtigen Pilzexperten. ...
Fußball rangierte bei meinen Freunden und mir weit vor den sonst üblichen Freizeitbeschäftigungen. Gespielt wurde mit einem Tennisball; in jeder Mannschaft waren vier bis fünf Jungs. Unser Spielfeld war der Kranoldplatz, ein großer rechteckiger, mit Mosaiksteinen gepflasterter Platz, von Häusern umgeben. Die Bänke am Rand dienten uns als Tore, weshalb wir keinen Torwart brauchten. So spielten wir ohne jede seitliche Begrenzung quer über den Platz; und zwar Runde um Runde.
Bald waren wir geradezu süchtig nach diesem Spiel. Einer der Kelm-Brüder brachte dies in seinem Verhalten wohl am deutlichsten zum Ausdruck: Als er am Tage seiner Hochzeit mit seinen Gästen und seiner Frau die Kirche in der Kranoldstraße verließ und uns beim Fußballspiel sah, ließ er es sich tatsächlich nicht nehmen, mit uns eine Partie zu spielen. Dass er dabei möglicherweise den guten Anzug und die Lackschuhe ruinieren würde, störte ihn überhaupt nicht. Zu seinem frisch angetrauten Weibe und den Hochzeitsgästen sagte er nur: »Geht mal schon vor. Ich komme eine Viertelstunde später.«
Ein weiteres sehr beliebtes Spiel war das Radrennen. Das funktionierte folgendermaßen: Wir besorgten uns beim Trödler Kinderwagenräder, in deren Nabe wir Holz und einen Nagel einschlugen. Das so präparierte Rad musste dann mit einem Stock in einer bestimmten Neigung gehalten und geführt werden.
Wer sein Rad am geschicktesten führte, erfolgreich darauf achtete, dass er es in der Kurve nicht verlor, und ansonsten am schnellsten vorankam, gewann das Rennen, das meistens in Form eines Staffellaufes mehrere Runden ums Karree ging. Hier konnten auch die Mädchen mitspielen – und meine Schwester Hildegard war dabei sehr gewandt.

Abschlussklasse der 1. Knabenschule Tempelhof
Einen anderen Wettbewerb veranstalteten wir mit unseren kleinen Spielzeugautos. Da diese innen hohl waren, gossen wir sie – zur Verbesserung der »Straßenlage« – mit Blei aus und versahen sie mit einem Knetgummistopper. Die auf diese Weise präparierten Renner wurden auf der Bordsteinkante die Straße entlanggeschoben: Immer abwechselnd durfte man dem Auto einen Schub versetzen. Hatte einer zu toll gestoßen und es fiel vom Rinnstein – es waren ja auch »gefährliche« Kanten und Spalten zwischen den Bordsteinen zu überwinden –, musste man wieder an den Punkt der »Übernahme« zurück und es erneut versuchen.
Nicht ganz harmlos waren die Katapulte, die wir uns aus Astgabeln, Einweckgummis und einem Lederflecken (für die Murmeln, die uns als Munition dienten) bastelten. Wie wir bald feststellen durften, war das auch verboten. Denn einmal wurden wir von einem Polizisten zur Wache mitgenommen, wo wir dann auf unsere Eltern warten mussten.
Als meine Großmutter mich abholte, wurde sie von dem Polizisten aufgeklärt: »Wissen Sie, mit diesen Schleudern kann man über die ganze Straße schießen.«
›Du armer Wurm‹, dachte ich in dem Moment verächtlich. Denn unsere Katapulte waren so gut, dass es überhaupt kein Problem war, auch über viergeschossige Häuser hinwegzuschießen.
Üblich waren im Übrigen auch organisierte Straßenkeilereien. Die wurden schon einige Tage vorher angesagt: Montag um zwei, so hieß es etwa, kloppt sich die Knesebeck- mit der Siegfriedstraße. Zum vereinbarten Termin marschierten dann die Kolonnen auf, und los ging′s: Wir schlugen uns wüst mit den Fäusten und wälzten uns ringend im Dreck.
Unsere Knesebeckstraße hatte die sechs schlagkräftigen Kelm-Brüder, so dass sich der Rest von unserem Dutzend nicht sonderlich sorgen brauchte. Ich selbst stach hierbei nicht hervor. Meistens blieb ich hinten, habe mich überhaupt selten ernsthaft geschlagen.
Richtig ernst wurde es nur einmal: Ich ging mit Inge. Kurt Kelm, der ungefähr in meinem Alter war, meinte sie mir ausspannen zu können. Ich erklärte ihm, dass ich mir die Inge nicht streitig machen lasse, und so verabredeten wir eine Keilerei.
Wir trafen und schlugen uns; und am Ende lag glücklicherweise Kurt Kelm blutend am Boden, während ich stolz war, meine Freundin erfolgreich verteidigt zu haben.
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